Jatinder Thakur (KlangWelten Festival 2003)TATA DINDIN
(Gambia)
Kora

Der Spross der legendären Konte/Jobarteh-Familie aus Gambia tritt souverän in die Fußstapfen seines Großvaters Hadji Bai Konte und seines Vaters Malamini Jobarteh, die seine Lehrer waren. Er hat der Kora-Musik seines Landes einen neuen Kick gegeben. In Gambia ist er ein Star der Jugend, hochvirtuos und experimentierfreudig.

In Gambia spielen nur Jalis Kora. Dies sind Berufsmusiker, Berater und Friedensrichter, und insofern durchaus mit unseren mittelalterlichen Barden zu vergleichen. Ihre Kora-Linien verweben sich zu einem fließenden Teppich aus afrikanischen Rhythmen, die den freischwebendem Gesang tragen. In den Liedern werden oft Anekdoten aus den Volksepen erzählt, Lobpreisungen auf die Familie des Auftraggebers gesungen oder ethisch-moralischer Ratschlag erteilt. Ein Jali ist also eine hochangesehene Instanz in der Mandinke-Gesellschaft.

Traditionell wird die Kora nicht zusammen mit Trommeln gespielt, sie wäre daür zu leise. Sie repräsentiert eher den ruhigen, bei uns unbekannteren Aspekt afrikanischer Musik. Tata kam zum ersten mal 1994 zum Int. Harfenfestival nach Deutschland, und hat seither in vielen afrikanischen und crossover- Projekten in ganz Europa gearbeitet (auch bei Klangwelten 2000) und zuletzt zusammen mit Enkh Jargal 3 Monate als Live-Musiker beim schweizer Tamztheater RIGOLO.

DIE KORA

Die Kora ist ein außergewöhnliches Instrument, welches nur in Westafrika gespielt wird. Entwickelt hat sie sich wahrscheinlich aus der Bogenharfe vor ca. 300 Jahren im damaligen Königreich Mali, ein Gebiet, das das heutige Senegal, Gambia, Mali und Guinea umfasste.
Der Resonanzkörper besteht aus einer aufgesägten Kalebasse, die mit einem Kuhfell bespannt ist. Dieses dient als Resonanzdecke. In die Kalebasse wird ein ca. 1,5 m langer Hartholzstock gesteckt, ähnlich wie bei Lauteninstrumenten (daher kommt der Begriff "Harfenlaute"). An dieser Stange sind 21 Saiten mit Lederringen befestigt, die über einen Steg auf das Resonanzfell drücken.
Gestimmt wird das Instrument durch Drehen und Verschieben der Lederringe. Die Saiten werden heute aus Angelschnur-Nylon hergestellt. Früher waren sie aus Pflanzenfasern.

HARFENMUSIK IN AFRIKA - EIN ANDERES KONZEPT VON ZEIT UND RAUM
RAUM

Bei der Kora sind, wie bei vielen afrikanischen Instrumenten, die Töne anders im Raum verteilt als bei uns, nämlich in zwei Reihen von Saiten. Beide Reihen haben Bass- und Melodietöne. Jede Reihe wird von einer Hand bedient. Um also eine Tonleiter zu spielen, muss man abwechselnd je einen Ton mit der rechten und einen Ton mit der linken Hand spielen. Man hat zwei Reihen von großen Terzen mit einigen zusätzlichen Basstönen (Oktaven und Quinten) zur Verügung und kann durch das zahnradmäßige Ineinandergreifen der Hände ("Interlocking") sehr schnell spielen. Die Bewegungsmuster der Finger werden memoriert, nichts wird aufgeschrieben.

Diese Instrumente werden hauptsächlich solo oder zur Liedbegleitung eingesetzt. Im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten geraten sie leicht wegen fehlender Lautstärke in den Hintergrund. Es werden mehrere diatonische Skalen verwendet,darunter auch die HARDINO - Stimmung, die der europäischen Durtonleiter am nächsten kommt. Quinten und Oktaven sind ja global gebräuchliche Intervalle. Sekunde, Quarte, Sexte und Septime weichen aber oft stark von unserer temperierten Stimmung ab. Die Festlegung auf eine diatonische Stimmung determiniert, welche Tonart in welcher Skala gespielt wird, genau wie bei der europäischen Bardenharfe.

ZEIT

Afrikanische Harfenmusik hat eine andere Dramaturgie als unsere. Sie läuft nicht linear-zielgerichet ab, vom ersten Ton zum Schlussakkord (diesen gibt es gar nicht, die Musik bröckelt eher ab, sie könnte auch noch weiter gehen). Lineare Melodielinien, bei denen sich ein Ton aus den vorhergehenden herleitet und zum folgenden ührt, sind immer auch direkt verwoben mit Begleitmustern und Basslinien. Melodielinien verbergen sich in Begleitstimmen und umgekehrt.

SPIELTECHNIK

Dieses unterschiedliche Konzept von Zeit und Raum findet seinen Ausdruck in der Spieltechnik: beide Hände bedienen gleichberechtigt die beiden Saitenreihen, den gleichen Tonumfang. Oben und unten, vorher und nachher sind nicht so eindeutig feststellbar wie in unserer Musik. Die Kunst besteht darin, innerhalb eines festen Rahmens vorgegebener rhythmisch-harmonischer Abläufe viele Variationen zu erfinden, immer neue Verzierungen, Vorschläge, Beschleunigungen, Akzentwechsel, polyrhythmische Verschachtelungen.

Um diese zu verstehen, überhaupt zu bemerken, braucht man Zeit. Man muss sich viele Wiederholungen anhören. Der Geist muss frei schweifen können, er muss lernen zu unterscheiden zwischen festen und variierten Strukturen. Dabei helfen uns die vielen übereinander geschichteten kreisförmigen Motive.
Wir Europäer erreichen leider nicht oft diesen Zustand der umherschweifenden Aufmerksamkeit, weil wir schon vorher abschalten, in dem Irrglauben, wir hätten schon alles verstanden.

Afrikanischer Harfenmusik zu lauschen bringt uns einen Bewusstseinszustand zurück, den wir in unserer Hörkultur schon fast verloren hatten.


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